Die EZB pumpt nach Medienberichten unentwegt Geld in die Märkte und trotzdem scheint keine Inflation zu entstehen? Wie passt das zusammen?

Frage gestellt von R. B. | Veröffentlicht am 19.11.2014

Aktuell hört man ständig, dass über die Europäische Zentralbank sehr viel Geld in die Märkte gepumpt wird. Gleichzeitig wird vor deflationären Tendenzen gewarnt. Wie passt das zusammen? Sollte durch das zusätzliche Geld nicht eher die Gefahr einer zu hohen Inflation zunehmen?

Antwort von Stefan Erlich am 19.11.2014:

Zunächst einmal muss man verstehen, was Inflation überhaupt ist. Die am weitesten verbreitete Definition ist der Anstieg des Preisniveaus, gemessen anhand der Preise aller Güter eines festgelegten typischen oder durchschnittlichen Warenkorbes ("der durchschnittliche deutsche Verbraucher"). Den daraus errechneten Index nennt man häufig auch Verbraucherpreisindex. Allein vom Namen her erkennt man schon, dass es sich um den Anstieg der Verbraucherpreise handelt. Die Preise für Rohstoffe, Immobilien und andere zum Teil eher gewerblich genutzte Dinge werden hier nur indirekt berücksichtigt (z. B. über den Anstieg der Mieten).

Inflation, also ein Anstieg der Verbraucherpreise, entsteht dann, wenn es sich die Anbieter von Waren leisten können, die Preise anzuheben. Dies wiederum passiert dann, wenn sie merken, dass die Nachfrage der Konsumenten besonders hoch ist oder gerade steigt. Ein stark vereinfachtes Beispiel: Der Gemüsehändler merkt, dass vor seinem Stand in den letzten Wochen mehr und mehr Leute stehen und sich zum Teil lange Schlangen bilden. Er denkt sich daher als Unternehmer, dass er vielleicht mehr verdienen könnte, wenn er die Preise um 10 Cent pro Salatkopf anhebt, denn wenn so viele Leute kaufen wollen, werden sie doch bestimmt auch ohne zu zögern 10 Cent mehr bezahlen. In der Praxis passiert dieser Vorgang eher im Großhandel und im Rohstoffbereich, sodass der Gemüsehändler sich letztlich eher aufgrund gestiegener Einkaufskosten gezwungen sieht, den Preis pro Salatkopf um 10 Cent anzuheben. Das Grundprinzip ist aber das Gleiche.

Nun ist aber noch die Frage, wie überhaupt eine erhöhte Nachfrage entsteht. Dies kann einerseits auf Seiten der Verbraucher passieren, wenn diese ein höheres Einkommen erhalten (z. B. Aufnahme einer Arbeit nach Arbeitslosigkeit, Lohnerhöhung, niedrigere Steuern, staatliche Zahlungen etc.) oder auch auf Seiten der Unternehmer, wenn diese aufgrund positiver Marktaussichten in neue Geschäfte/Betriebe oder Kapazitäten investieren. Dann steigt u. U. die Nachfrage nach Salatköpfen oder eben auch Maschinen, Rohstoffen (Rohöl, Energie, Zucker, Stahl usw.) und anderen Investitionsgütern. Für viele Unternehmer ist dabei entscheidend, dass sie für ihre Unternehmungen Kredite bekommen und das möglichst günstig. Auch für Verbraucher kann die Verfügbarkeit von Krediten für Konsumausgaben entscheidend für eine erhöhte Nachfrage sein. Wichtig ist für beide Seiten aber, dass die Zukunftsaussichten rosig oder zumindest positiv sind, denn sonst wird man Ausgaben eher zurückhalten und für die kommenden unsicheren Zeiten sparen, Rücklagen bilden oder zumindest Ausgaben vermeiden. Damit sich die Nachfrage also wirklich erhöht, müssen verschiedene Dinge zusammenkommen (Einkommen, Kreditverfügbarkeit, Kreditkosten, Zukunftsaussichten) - je nach Situation in unterschiedlicher Stärke.

Aktuell ist es nun in der Tat so, dass die EZB über den Ankauf von gewissen Wertpapieren (und u. U. demnächst auch Staatsanleihen) Geld in den Markt pumpt. Genau genommen gibt sie allerdings zunächst einmal nur den Banken Geld, denn diese verkaufen ihre Wertpapiere an die EZB und erhalten dafür (vereinfacht gesprochen) Cash. Die Vorstellung der EZB ist dabei, dass die Bank aufgrund der nun insgesamt etwas geringeren Risiken in ihrem Portfolio (die abgekauften Wertpapiere sind ja nun weg) und der erhaltenen freien Gelder neue Kredite vergeben kann bzw. wird, die wiederum zu höheren Konsum- und Investitionsausgaben führen (siehe oben). In diesem Zusammenhang ist auch das allgemein niedrige Zinsniveau zu nennen, das von der EZB bewusst so herbeigeführt wurde, um Kredite günstiger zu machen. Je günstiger ein Kredit, um so eher ist ein Verbraucher oder Unternehmer gewillt, einen solchen bei entsprechenden Zukunftsaussichten aufzunehmen und das Geld auszugeben.

Das Problem ist aktuell allerdings, dass die Banken in der EU bisher nicht mehr, sondern tendenziell eher sogar weniger Kredite vergeben haben. Auch das verfügbare Einkommen der Verbraucher erhöht sich leider nicht wirklich. Ein Nachfrageschub, der wiederum zu höheren Preisen führen könnte, ist somit nicht abzusehen, denn die Leute haben schlichtweg keine positiven Zukunftsaussichten und horten ihr Geld daher lieber auf dem Sparkonto. Auch die Banken legen ihr Geld aufgrund gestiegener Eigenkapitalanforderungen lieber auf die hohe Kante oder investieren es am Finanzmarkt in Aktien und vermeintlich sichere Staatsanleihen, zu groß erscheint derzeit das Risiko bei vielen potentiellen Kreditnehmern und zu niedrig die Nachfrage von kreditwürdigen Verbrauchern und Unternehmern.

Das zusätzliche Geld der EZB kommt somit durchaus bei den Banken an, gelangt aber bisher scheinbar nicht in den Wirtschaftskreislauf. Doch nur dann kann das Geld auch wirklich einen Effekt auf die Preise haben. Im Moment ist es aufgrund der eher negativen oder moderaten Aussichten vieler Verbraucher und Unternehmer sogar so, dass Ausgaben verschoben oder ganz gestrichen werden. Dies führt zu einer insgesamt relativ geringen Nachfrage und einer sehr geringen Inflation (in Deutschland aktuell nur 0,80 %) mit insgesamt deflationären Tendenzen, denn tendenziell erwarten viele Menschen eher eine Verschlechterung der Situation, was wiederum zu einer Verstärkung der Kaufzurückhaltung führt und letztlich in einem sich selbst verstärkenden Prozess aus Nachfragerückgang, Preisrückgang, Ausgabenaufschub (wegen Pessimismus und sinkender Preise), geringerer Nachfrage und Produktion, geringeren Einkommen, Nachfragerückgang usw. münden kann - ein gefährlicher Mix, den viele Ökonomen fürchten, da dieser zu einer langen Rezession mit hoher Arbeitslosigkeit führen kann.

Insgesamt kann man also festhalten, dass Inflation und "Geldmenge" (die Verwendung des Begriffs Geldmenge ist hier eigentlich nicht ganz korrekt bzw. zu ungenau) durchaus zusammenhängen, jedoch ist der Zusammenhang kein direkter, sondern eher indirekt über das Nachfrageverhalten der Konsumenten und Unternehmen. Nur wenn die EZB es irgendwie schafft, dass das Geld auch wirklich bei den Konsumenten und Unternehmen ankommt und diese es vor allem auch (zumindest zum Teil) wieder ausgeben, kann langfristig auch eine höhere Inflationsrate die Folge sein, zumindest auf Basis des Verbraucherpreisindex. Andere Preise wie z. B. die von Immobilien, Aktien oder Anleihen können sich davon unabhängig entwickeln, was derzeit auch zu beobachten ist und von manchen Marktteilnehmern als "Asset Price Inflation" bezeichnet wird (Inflation bei Vermögenswerten). In der offiziellen Inflation werden diese Preise aber nicht oder nur indirekt (z. B. über die genannten Mietpreise) berücksichtigt, sodass wir den Effekt steigender Aktienmärkte z. B. im Verbraucherpreisindex gar nicht wahrnehmen.

Eine radikale Idee zur Erzeugung von Inflation ist übrigens folgende: Man fliege mit einem Hubschrauber über die Lande und werfe schlichtweg Bargeld über den Häusern ab. Verständlicherweise hat bisher niemand ein solches Experiment gewagt, aber es ist eine interessante Idee, um im "Notfall" Inflation zu erzeugen. Mehr dazu finden Sie z. B. in diesem Artikel der FAZ.

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