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Wer braucht bei 4 % Zinsen noch ETFs?

15.06.2023 - David Stahmann - 3 Kommentare

„Wer braucht bei 4 Prozent Zinsen noch ETFs?

Seit die Zinssätze für Tages- und vor allem Festgelder ab einem Jahr Laufzeit bei mehr und mehr Banken die 4-Prozent-Schallmauer durchbrechen, erhalten wir in der Redaktion mittlerweile auch öfters Rückmeldungen aus unserer Leserschaft, die in Richtung der Überschrift dieses Artikels laufen. Ein aktuelleres Original-Zitat hierzu aus unserem Forum: „Wenn ich mich auf die Suche mache, brav beherzigend, was ich bisher gelesen habe hinsichtlich globaler Indices, Alter, Volumen, TER etc. - dann lande ich bei ETFs, die bestenfalls eine Rendite von 4 % produzieren (Ausschüttung). Das macht für mich bei Festgeld mit 4–4,5 % Zinsen keinen Sinn. Was mache ich falsch?“

Die provozierend vereinfachte Antwort würde lauten: Nichts…und alles! Die etwas ausführlichere Antwort hingegen ist wie fast alles im Leben etwas komplexer und zum Teil abhängig vom eigenen Standpunkt, Lebenssituation und welchen Aspekten welche Relevanz bzw. Gewicht beigemessen wird. In der oben beschriebenen verkürzten Sichtweise trifft die Aussage erst einmal irgendwie schon zu: Wer im ExtraETF-Portal im dortigen Suchbereich die ETF-Auswahl zunächst nach „Aktien-ETFs“ und dann zusätzlich nach „Dividendenstrategie“ filtert, erhält rund 90 ausschüttende ETFs als Suchergebnis. Ein Blick in einige der dort enthaltenen Produkte und die jeweils erhaltenen Ausschüttungsrenditen in den letzten Jahren zeigt: Die Regel sind Ausschüttungsrenditen im Bereich von Zwei- oder Drei-Komma-Nochwas, in seltenen Ausnahmefällen wurde auch mal die 4-Prozent-Hürde überschritten. Aus diesem engen Blickwinkel heraus ist also folgender Satz unseres Chefredakteurs aus einem Antwortkommentar zum obigen Kommentar nicht falsch: „Es ist in der Tat so, dass aktuell die Renditen des Aktienmarktes denen von Tages- und Festgeld etwas hinterherhinken.“

Apfelrendite vs. Birnenrendite

Direkt im nachfolgenden Satz des Antwortkommentars schrieb unser Chefredakteur aber auch direkt: „Man muss aber zum einen bedenken, dass das nur eine Momentaufnahme ist und sich wieder ändern wird und zum anderen Aktien-ETFs eine ganz andere Anlageklasse sind, die mit extrem hoher Diversifikation (Tausende von Unternehmen) […] und theoretisch unlimitierter Rendite punkten.“ Den Punkt mit der Momentaufnahme muss man sicherlich nicht erklären: Die Leit- und damit Einlagenzinsen wurden durch Entscheidungen in den Zentralbanken der Welt zunächst erheblich nach unten gedrückt und werden seit etwas mehr als einem Jahr nun wieder stark angehoben. Ein erneutes Drücken der Zinsen durch besagte Akteure kann und wird zukünftig wieder kommen.

Viel wichtiger ist der Punkt „ganz andere Anlageklasse“ und damit verbunden der Punkt „theoretisch unlimitierte Rendite“. Wenn Sie 10.000 Euro in ein einjähriges Festgeldangebot für 4 Prozent investieren, bekommen Sie „sicher“ nach einem Jahr exakt 400 Euro Bruttozinsen und exakt die 10.000 Euro Einlage zurück - immer.

Das gleiche Geld bringt bei einem ausschüttenden ETF mit z. B. aktuell 3 Prozent Dividendenrendite „nur“ 300 Euro Bruttozinsen. Hier gibt es allerdings zwei zusätzliche „Renditechancen“. Zum einen kann passieren, dass sich die Dividendenrendite im gleichen, nächsten oder übernächsten Jahr deutlich erhöht und zwar idealerweise aufgrund unerwartet steigender Ausschüttungen von den im ETF enthaltenen Unternehmen. Eine andere Möglichkeit ist, dass sich die ursprünglichen investierten 10.000 Euro aufgrund positiver Kursentwicklung ebenfalls vermehrt haben – und zwar unabhängig von den Dividenden, die es dann hier noch obendrauf gibt. Diese Möglichkeit gibt es bei Festgeld nicht (mit Ausnahme von „Festgeldern“ in Fremdwährungen, vor denen wir aber deutlich warnen).

Klar: Diese Kurs- und Dividendenrenditenentwicklung bei ETFs kann wie beschrieben nach oben, aber auch nach unten laufen (Stichwort Volatilität). Daher sollte man sich hier an eher längere Laufzeiten orientieren und auch bei der Auswahl des entsprechenden Dividenden-ETFs gewisse Qualitätskriterien zugrunde legen (also z. B. nicht einfach den erstbesten „Dividend High Yield ETF“ nehmen). Aber am Ende kommt es für einen fairen Vergleich auf die Gesamtrendite eines Anlagevehikels an, die zudem immer erst am Ende des Anlagezeitraums verglichen werden kann. Im Fall des „klassischen“ Festgelds ist das ausschließlich der fixe Zinssatz. Beim ETF sind es hingegen die nach unten, aber auch nach oben völlig variable Ausschüttungs- UND die Kursrendite.

Das eigentliche Kernproblem

Die im vorherigen Absatz beschriebenen Aspekte sind aber gar nicht der eigentliche problematische Punkt des Ausgangskommentars. Denn dieser impliziert folgenden Grundgedanken des Verfassers oder der Verfasserin: „Bei der Zinshöhe, die ich mit gewissen Festgeldangeboten derzeit erreichen kann, sind ausschüttende ETFs ja mittlerweile kein adäquater Ersatz mehr, oder?“

Die Betonung liegt hier beim „adäquaten Ersatz“. Tatsächlich war es bis vor Beginn der Coronajahre zunehmend gang und gäbe, Dividenden als „den neuen Zins“ zu bezeichnen. Die Wirtschaft und damit die Aktienkurse sowie Ausschüttungen wuchsen schließlich jahrelang mehr oder weniger kontinuierlich und „zuverlässig“, während es auf Geldwertanlagen wie Tages-/Festgelder, Anleihen und sonstige Sparprodukte kaum Zinsen gab. Diese Umtitulierung von Dividenden zum „neuen Zins“ war schon damals nicht korrekt und ist es auch heute noch. Sprich: Die Festgeldtreppe gegen einen ausschüttenden ETF aus einer reinen „1:1-Ersatz“-Perspektive heraus auszutauschen (oder aus heutiger Sicht eben gerade nicht), ist der völlig falsche Ansatz.

Es sind zwei völlig unterschiedliche Anlageklassen und -vehikel mit ganz eigenen Charakteristika und entsprechend unterschiedlichen Vorteilen, Nachteilen und Aufgaben in einem Gesamtportfolio. Das Festgeld soll für (nominale) Stabilität, (Einlagen-)Sicherheit und garantierte, planbare Erträge sorgen. Fertig. Diese Punkte kann ein Dividenden-ETF vorne und hinten nicht erfüllen. Soll er aber auch gar nicht. Stattdessen ist es seine Aufgabe, mich auf extrem kostengünstige, global diversifizierte und risikominimierende Weise an dem Aktienmarkt und dessen Entwicklung teilhaben zu lassen. Das wiederum kann ein Festgeld nicht ansatzweise erfüllen – ist aber auch hier wieder nicht dessen Aufgabe. Es sind vielmehr zwei unterschiedliche Bestandteile in meinem gesamten Portfolio, die sich gut ergänzen und ihrer jeweiligen Rolle entsprechend meinen Anforderungen gerecht werden sollen.

Oder anders gesagt: Sie würden als Trainer einer Fußballmannschaft ja auch nicht Ihren Torwart (der ist das Festgeld bis zum Jahr 2022) dafür anbrüllen, dass er nie Tore (ergo Rendite) macht. Das ist schließlich nicht seine Aufgabe. Daher würden Sie ihn auch nicht etwa gegen einen Stürmer in ihrem Team austauschen und erwarten, dass Letzterer ein mindestens gleichwertiger, wenn nicht sogar besserer Ersatz ist. Dieser hat schließlich ganz andere Fähigkeiten (Laufgeschwindigkeit, Passgenauigkeit), die ebenfalls wichtig für das gesamte Team (Ihr Portfolio), aber kein Ersatz für die genauso benötigten Kompetenzen des Torwarts sind.

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am 20.02.2024 - 01:20 Uhr Link

Hallo,

nicht falsch verstehen, aber der Artikel ist für meinen Geschmack leider zu sehr im Vokabular von Bänkern geschrieben - Rendite-"Chancen", Betrachtungszzeiträume, Anlageklassen, usw.
Viele Worte, zu wenig Zahlen.

Die Betrachtungsweisen sind leider auch bei Kritische Anleger völlig gegenteilig aufgebaut. TG und FG werden ausschließlich in Bezug auf die aktullen Ertäge betrachtet. Die Betrachtung bei ETFs erfolgt ausschließlich in die Vergangenheit.

Im Grunde geht es doch darum ob und um wieviel ETFs eine Anlage in FG und TG schlagen können. Die Frage ist wieviel Prozent an Mehrrendite wieviel Prozent an mehr Risiko gegenüber stehen.
Risiko ist die historische Schwankung und der maximal in der Vergangheit mögliche machbare Verlust.

Beispiel:
Ich nehme mir den Betrachtungszeitraum 01.01.2021 bis 31.12.2021.
Dann nehme ich den Durchschnittszinssatz der Topangebote von z.B. 1järigen Festgeldern
Dem gegenüber Stelle ich einen ETF bzw. ein ETF-Portfolio für diesen Zeitraum. Wieviel Prozent hat der ETF in diesem Zeitraum erwirtschaftet, und wie hoch wäre der maximale Verlust in Prozent gewesen wenn ich ungeschicktesten Zeitpunkte für Kauf und Verkauf gewählt hätte.
fiktive Zahlen: Durchschnitt FG wären 2,25%,ETF hätte Kurszuwachs von 3%, maximaler Verlust wäre 5%.
Ergebnis: Für 5% mehr Risiko hätte ich mit ETF 0,75% mehr Ertrag erwirtschaftet.


Ich würde mir wünschen dass ich hier bei Kritische Anleger auch für FG und TG eine Vergangenheitsbetrachtung durchführen könnte.
Ich könnte mir das so vorstellen wie es bei vielen Robo-Advisoren umgesetzt ist, dass man Zeiträume "von" und "bis" definieren kann, und dann noch aus wie vielen der Spitzenreitern ein Durchschnittswert errechnet werden soll, z.B. ob man nur die Zinssätze der 3 besten Angebote oder der 5 besten Angebote berücksichtigt haben möchte.

Nur dann kann ich als Anleger objektiv Anlagen miteinander vergleichen, und zwar in Bezug auf Risiko und auf Ertrag.

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am 15.06.2023 - 17:05 Uhr Link

Danke für den guten Artikel :-)

Wäre da ein Geldmarkt-ETF wie (nur) z.B. LU2082999306Lyxor Smart Overnight Return UCITS ETF eine Alternative zu Tagesgeld oder Festgeld mit kurzen Laufzeiten?
Der Spread liegt so bei 0,2%, TER bei 0,05%
MfG
acdc

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Redaktion  am 16.06.2023 - 12:47 Uhr Link

Hallo acdc,

lieben Dank für das kleine Lob :-) Zu der Frage: Wirklich viel Ahnung zu diesem ETF haben wir zwar nicht. Aber ein Blick auf die entsprechende Produktseite von Amundi (https://www.amundietf.de/de/privatanleger/products/fixed-income/lyxor-smart-overnight-return-ucits-etf-deur/lu2082999306) zeigt zunächst: Grundsätzlich ist die Schwankungsarmut von diesem ETF bisher sehr gering gewesen und somit deutlich weniger volatil als ein Aktien-ETF wie in unserem Textbeispiel.Aber eine "vollwertige" Alternative ist auch dieser in letzter Konsequenz nicht. Denn wie gesagt: Fest- und Tagesgeld haben mit Blick auf die Einlage null Schwankungen. Einmal angelegte 10.000 EUR bleiben über die gesamte Laufzeit und am Ende immer 10.000 EUR. Beim besagten ETF hingegen kommt es auf einen guten manuellen(!) Verkaufszeitpunkt der ETF-Anteile an, ob ich mindestens meine Einlage wieder rausbekomme. Das kann, muss aber nicht klappen. Insofern: Strenggenommen keine echte 1:1-Alternative, aber ggf. immer noch besser als ein aktienbasierter Dividenden-ETFs, wenn es um sehr kurze Laufzeiten geht.

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