Der Kaiser ist nackt - ein Blick auf die Einlagensicherungen in Europa

Letzte Aktualisierung: 04.02.2016 | David Stahmann

Der Kaiser ist nackt - Einlagensicherungen und ihre Fonds-Volumina in Europa

Der Schutz durch eine Einlagensicherung ist für konservative Anleger von entscheidender Bedeutung. Die Absicherung bis 100.000 € gilt als sicher und gesetzlich garantiert, was nicht per se falsch ist, allerdings wird ein Punkt nur selten hinterfragt: Wie viel Geld ist für den Notfall verfügbar? Seit der neuen EU-Richtlinie 2014/49/EU müssen alle Einlagensicherungen in Europa als Fonds betrieben werden, in den die angeschlossenen Banken jährlich und vor dem Eintreten eines Schadenfalls Beiträge einzahlen. Geht eine Bank pleite, werden die Anleger aus diesem Fonds entschädigt.

Die Idee des Systems ist charmant, denn wenn die Banken vor einem Schadensfall einzahlen und man über die Zeit Rücklagen für den Fall der Fälle aufbaut, braucht der Steuerzahler bei einer Entschädigung nicht mehr sein Portemonnaie öffnen. Doch während die EU-Richtlinie feste Vorgaben hinsichtlich der zu leistenden Entschädigungen macht, sind die Einlagensicherungsfonds abhängig von den Einzahlungen der Banken und der Häufigkeit von Entschädigungsfällen, haben also unterschiedlich viel Geld zur Verfügung. Leider wird dieser Umstand nur selten hinterfragt und die Bezeichnung "gesetzliche Einlagensicherung" von vielen Anlegern als Pflicht des jeweiligen Staates verstanden, die Einlagensicherung zu speisen.

Wenn die Entschädigung von Anlegern aus Einlagensicherungsfonds kommt und nicht vom Staat, stellt sich zunächst die Frage, wie viel Geld in diesen Fonds vorhanden ist. Wir beginnen diesen Artikel daher zunächst mit einer Europakarte und einer Übersicht über die Volumina der nationalen Einlagensicherungsfonds. Ein wichtiger Grund für diese Übersicht ist im Übrigen die häufig vorhande Vorstellung, dass eine "EU-Einlagensicherung" im Sinne eines gemeinsamen Geldtopfes existiert. Das ist jedoch (noch) nicht der Fall. Mit der häufig verwendeten Bezeichnung "europäische Einlagensicherung" ist schlichtweg gemeint, dass die nationalen Einlagensicherungsfonds den Richtlinien der EU entsprechen. Das sind aber vor allem formale Anforderungen, die erst einmal wenig über die tatsächliche Leistungsfähigkeit aussagen.

Volumina der Einlagensicherungsfonds in Europa
Hinweise zur Grafik: Die Einlagensicherungsfonds der grau schattierten Länder entschädigen Anleger in ihrer lokalen Währung, während die bläulichen Länder dies in Euro tun. Zudem haben wir auch Island und Norwegen mit integriert, obwohl es keine EU-Länder sind. Dies liegt zum einen am Festgeld-Angebot der norwegischen BN Bank und der historischen Relevanz des Falls Kaupthing in Island, der die Grenzen der Leistungsfähigkeit von Einlagensicherungssystemen allgemein aufgezeigt hat.

Beim Betrachten der Karte fällt auf, dass es extreme Unterschiede zwischen den Vermögen der verschiedenen nationalen Einlagensicherungsfonds gibt. Während Spanien z. B. mit satten 4,4 Mrd. € gut gerüstet scheint, ist das Vermögen des Einlagensicherungsfonds in Litauen mit -257 Mio. € sogar negativ. Andere Länder wie die Niederlande und Österreich haben dagegen erst kürzlich zum System der Ex-Ante (= vor dem Eintreten eines Schadenfalls) finanzierten Fonds gewechselt, sodass die Vermögen hier aktuell noch bei Null liegen dürften. Interessant bei der Aufstellung: Deutschland steht mit 1,13 Mrd. € als wirtschaftsstärkstes Land in Europa und vergleichsweise großem Bankensektor bei der Einlagensicherung nicht so gut da, wie man es erwarten würde.

Einschränkend muss an dieser Stelle aber direkt erwähnt werden, dass wir hier absolute Zahlen betrachten, die zwar etwas über das Vermögen der Fonds aussagen, aber für sich genommen wenig über die tatsächliche Schlagkraft im Verhältnis zur Größe des Bankensektors und der vorhanden Kundeneinlagen. So mag der spanische Einlagensicherungsfonds auf den ersten Blick gut gefüllt aussehen, allerdings wissen wir an dieser Stelle noch gar nicht, wie viel abgesicherte Kundeneinlagen (und damit potentielle Schadensforderungen) dem gegenüberstehen. Doch bevor wir uns diese Zahlen genauer anschauen, sei hier noch auf die nach Volumina sortierte Auflistung der Einlagensicherungsfonds verwiesen.

Ranking der Einlagensicherungsfonds nach ihren Vermögen

Hier zeigen sich die Unterschiede zwischen den verschiedenen Einlagensicherungsfonds noch deutlicher. Interessant ist dabei, dass die Krisenländer Portugal, Spanien und Italien im europäischen Vergleich überraschend gut dastehen. Erklären lässt sich das u. U. dadurch, dass strauchelnde Banken während und nach der Finanzkrise in 2007 und 2008 nicht etwa pleite gegangen sind, sondern vom Steuerzahler gerettet wurden. Die Einlagensicherungsfonds kamen somit gar nicht erst zum Zuge und konnten so weiter Vermögen aufbauen. Hier zeigt sich bereits, dass der von uns in der Überschrift zu diesem Artikel angesprochene Kaiser u. U. gar nicht so nackt ist, wie er auf Basis der Zahlen wirkt, denn der Staat ist ein nicht zu unterschätzender Akteur in diesem Gefüge. Mehr dazu finden Sie im zweiten Teil unseres Artikels zum Thema Einlagensicherungen.

Dass absolute Zahlen keine direkten Rückschlüsse auf die Stärke eines Einlagensicherungsfonds zulassen, haben wir bereits erörtert. Entscheidend ist am Ende des Tages, ob das Geld für die Entschädigung von Anlegern der jeweils gerade pleite gegangenen Bank ausreicht. Um besser einschätzen zu können, wie sich die Volumina der Fonds im Verhältnis zu den Kundeneinlagen verhalten, haben wir das Ganze einmal exemplarisch anhand von 6 relativ bekannten bzw. beliebten Anlagebanken dargestellt.

Verhältnis von Kundeneinlagen zu Vermögen des zuständigen Einlagensicherungsfonds am Beispiel von 6 Banken

Man sieht deutlich, dass die Kundeneinlagen der Banken das Volumen des zuständigen Einlagensicherungsfonds zum Teil deutlich sprengen. So liegt bei der deutschen ING-DiBa derzeit ein Vermögen, das etwa 100 Mal größer ist als das des Einlagensicherungsfonds der Entschädigungseinrichtung deutscher Bank (EdB) und selbst der gut gefüllte französische Fonds deckt nur etwa 41 % der Ersparnisse bei der RCI Banque (u. a. Renault Bank Direkt) ab.

Zugegeben, der Vergleich hinkt ein wenig, da nicht alle Einlagen bei einer Bank der Einlagensicherung unterliegen (Beträge über 100.000 € sind nicht durch die "gesetzliche Einlagensicherung" abgesichert), aber selbst wenn man mit deutlichen Abschlägen bei der Höhe der abgesicherten Guthaben rechnet, zeigt sich ein sehr ernüchterndes Bild. Wie die Situation auf der Ebene der Länder insgesamt (Fondsvermögen im Verhältnis zur Höhe der gesamten abgesicherten Einlagen des Bankensektors) aussieht, können Sie in der folgenden Grafik erkennen.

Anteil der durch das verfügbare Vermögen der Einlagensicherungsfonds abgesicherte Sparguthaben

Leider sind Daten zur Höhe der abgesicherten Bankguthaben nur schwer zu finden, weshalb unsere Grafik nur neun Länder enthält. Das Coverage-Ratio zeigt hier das Verhältnis der abgesicherten Bankguthaben zum Vermögen des jeweiligen Einlagensicherungsfonds. Die Ergebnisse überraschen ein wenig, denn Länder mit scheinbar gut gefüllten Einlagensicherungsfonds (z. B. Spanien) liegen aufgrund ihrer gigantischen Sparguthaben relativ gesehen deutlich hinter einigen Ländern mit absolut gesehen deutlich kleineren Fonds (z. B. Finnland). Die Vermögen der Fonds sind für sich genommen also kein sonderlich guter Indikator für die tatsächliche Leistungsfähigkeit. Es kommt auf das Verhältnis zu den Entschädigungsversprechen an.

Ein Coverage-Ratio (Deckungsquote) von 2,66 % in Norwegen hört sich für viele Leser u. U. nach wenig an und tatsächlich ist diese Schlussfolgerung nicht zwangsläufig falsch, denn würden heute in Norwegen alle Banken pleite gehen, wäre der norwegische Einlagensicherungsfonds ohne staatliche Unterstützung gerade einmal in der Lage, etwa 2,66 % der versprochenen Entschädigungszahlungen zu leisten. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit einer solchen Pleitewelle extrem gering. Die Überlegung zeigt aber ein Grunddilemma von Einlagensicherungsfonds allgemein. Geht eine einzige Bank pleite, so wird das Vermögen des Fonds genutzt und man kratzt vielleicht noch über Kredite zusätzliches Geld zusammen. Gehen allerdings mehrere Banken gleichzeitig pleite, ist jeder Einlagensicherungsfonds der Welt am Ende.

Schaut man im Übrigen nach Deutschland, so erscheint das Gefühl der (Einlagen-)Sicherheit vieler Deutschen unbegründeter denn je. Die Deutsche Bundesbank macht es einem leider nicht gerade leicht, verlässliche Zahlen zu den Kontoguthaben in Deutschland zu finden. In den Medien kursiert die Zahl von etwa 2.000 Mrd. €, allerdings lässt sich diese auf Basis der öffentlichen einsehbaren Statistiken nur mit viel Wohlwollen nachvollziehen. Wer sich mit der Datenbank beschäftigt findet letztlich Zahlen zwischen 500 Mrd. € und 2.500 Mrd. €, sodass die Wahrheit wahrscheinlich irgendwo dazwischen liegt und die 2.000 Mrd. € ein ganz guter Schätzwert sind.

Bei einem Vermögen des deutschen Einlagensicherungsfonds von 1,13 Mrd. € entspricht das gerade einmal einer Deckungsquote von 0,0565 %. Allerdings muss man mit den Zahlen vorsichtig sein, denn in Deutschland gibt es nicht nur eine Einlagensicherung, sondern mehrere (Haftungsverbund der Sparkassen, Sicherungseinrichtung der Volks- und Raiffeisenbanken etc.), sodass die unter die Entschädigungseinrichtung deutscher Banken ("gesetzliche Einlagensicherung") fallenden Einlagen wohl deutlich unter den genannten 2 Billionen liegen dürften. Doch selbst wenn man das Ganze halbiert, ergibt sich nur eine Deckungsquote von 0,113 %. Zum Vergleich: Die neue Einlagensicherungsrichtlinie der EU verlangt bis 2024 eine einheitliche Mindestdeckung von 0,80 %. Davon sind wir in Deutschland noch meilenweit entfernt, denn das Vermögen des Fonds erhöht sich durch die Beiträge der Banken jährlich nur um etwa 140 Mio. €.

Im zweiten Teil unserer Artikel-Serie geht es um die Frage, ob der Kaiser wirklich so nackt ist wie er scheint und ob nicht am Ende ein ganz anderer Akteur für die Sicherheit von Einlagen entscheidend ist - der Staat.

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