Sollte man Crowdinvesting-Projekte genau prüfen?

Letzte Aktualisierung: 14.01.2017 | Stefan Erlich

Sollte man Crowdfunding-Projekte genau prüfen?

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Als Sie die Überschrift dieser Kolumne gelesen haben, dachten Sie sich wahrscheinlich innerlich “Dumme Frage! Natürlich!”, schließlich muss man Investitionen nur ausreichend prüfen und analysieren, um Risiken erkennen und ausschließen zu können, oder? Ein Nutzer fragte mich in diesem Kontext kürzlich, ob wir eines der aktuellen Projekte von bettervest (Nahwärmenetz in den Wilhelmstadt-Schulen in Berlin) einmal genauer unter die Lupe genommen hätten, schließlich soll der Betreiber angeblich der umstrittenen Gülen-Bewegung nahestehen. Ähnliche Anfragen haben wir bzgl. möglicher Interessenkonflikte von iFunded bei den eigenen Immobilienprojekten erhalten und so manche Crowdfunding-Plattform hat schon versucht, mit einem sanften Seitenhieb auf die vermeintlich (?) schlechte Projektqualität der Konkurrenz hinzuweisen, mit der indirekten Forderung, doch mehr auf Projektprüfungen zu setzen.

Man könnte z. B. prüfen, wie seriös eine Firma ist, indem man nach vorherigen Skandalen und der Historie der Firma sucht. Wie lange gibt es die Firma schon? Hat sie ähnliche Projekte schon einmal umgesetzt und wenn ja, in welcher Anzahl? Dabei taucht schnell die Frage auf, ob neue Firmen ohne lange Historie automatisch ein risikoreicheres Investment sind. Vielleicht haben die Geschäftsführer bereits vorher relevante Erfahrungen sammeln können? Vielleicht wird Expertise von externen Dienstleistern zugekauft? Für was ist die Firma überhaupt im Rahmen des Projektes zuständig? Wenn man sich die Frage nach der Erfahrung stellt, benötigt man schnell deutlich mehr Informationen, die uns als Anlegern in aller Regel nicht zur Verfügung stehen. Zudem wird gerade im Immobilienbereich mit werblichen Aussagen wie “Firma XY hat bereits Projekte im Wert von X Mio. € umgesetzt” gearbeitet. Doch was genau heißt umgesetzt? Projektiert? Gebaut? Begleitet? Eine befriedigende Antwort auf diese Frage findet sich leider nur sehr selten.

Projektprüfungen sind dann einfach, wenn es sich um technische Produkte handelt. Eine Windturbine muss gewissen Belastungen standhalten und auf Basis historischer Wetterdaten lässt sich in einem gewissen Rahmen abschätzen, wie viel Energie man erzeugen wird. Eine Blockheizkraftwerk hat ebenfalls technische Eigenschaften und Toleranzgrenzen, mit denen sich relativ genau prognostizieren lässt, welche thermische und elektrische Energie mit welchem Input erzeugt werden kann. Sobald jedoch der Faktor Mensch ins Spiel kommt, wird es plötzlich schwierig. Ist ein Projekt jetzt risikoreicher, weil der Betreiber mit der Gülen-Bewegung assoziiert wird? Und was bedeutet eigentlich “assoziiert” konkret? Wer hat hier wie viel Einfluss auf was und kann dieser Einfluss sich negativ auf den Betrieb des BHKW auswirken? Fragen, die sich nicht so einfach beantworten lassen.

Wo hört seriöse und wissenschaftlich fundierte Projektprüfung auf und wo beginnt Spekulation? Die Grenzen sind sicherlich fließend, jedoch habe ich häufig das Gefühl, dass sich Privatanleger bei diesem Thema vor allem auf der spekulativen Seite aufhalten. Da wird mit Argumenten gearbeitet wie “Berlin ist doch als Immobilienmarkt völlig überhitzt!”, “Die Firma gibt es ja erst seit 2 Jahren!” oder “Von Enercon-Windanlagen hört man Gutes!”. Dabei vergessen viele, dass für einen kausalen Zusammenhang zwischen diesen Argumenten und dem Erfolg/Misserfolg eines Projektes schlichtweg die Daten fehlen. Es sind Vermutungen. Anleger spielen sich damit selbst eine Zuverlässigkeit ihrer Prüfung vor, die so nicht existiert. Dies hat vor allem dann potentiell gefährliche Konsequenzen, wenn auf Basis dieser Einschätzungen Einzelinvestments getätigt werden. Die Lehman Brothers war eine hoch angesehene Bank mit langer Historie, bis sie 2008 Insolvenz anmelden musste. Hörensagen, Bauchgefühl und Halbwissen taugen vielleicht etwas für Konversationen beim Grillabend, aber nicht als Grundlage für Investitionsentscheidungen.

Und dann ist da noch der Faktor Aufwand bzw. Kosten. Würde man z. B. ein Immobilienprojekt wirklich intensiv prüfen wollen, so müsste man Unterlagen anfordern und studieren, mit den Verantwortlichen Gespräche führen und ggf. vor Ort das Grundstück und Gebäude besichtigen. Einmal ganz davon abgesehen, dass dies im Crowdfunding-Bereich für uns Anleger schlichtweg nicht möglich ist, wäre dies ein recht großer Aufwand, der sich für kleinere Investments, wie man sie im Rahmen von Crowdfunding typischerweise tätigt, nicht lohnt. Dann also einfach blind auf die Prüfungen der Crowdfunding-Plattformen vertrauen? Jain, denn diese Plattformen haben natürlich ein inhärentes Interesse daran, möglichst viel Kapital an Projekteigner zu vermitteln, denn sie verdienen nur dann Geld, wenn wir unser Erspartes investieren. Ein gesundes Maß an Skepsis gegenüber den Angaben der Plattformen in den Projektbeschreibungen ist also durchaus angebracht. Doch auf was genau sollten Anleger achten?

Aus unserer Sicht sollte man als Anleger Projekte, in die man investiert, einem rationalen Basischeck unterwerfen und nicht einer ausführlichen Projektprüfung auf Basis von Vermutungen, Gerüchten, Spekulationen und Bauchgefühl. Dieser sollte zum Beispiel die folgenden Punkte abdecken:

  • Bewährtes Geschäftsmodell: Hat sich das Geschäftsmodell bereits bewährt und ist es einfach nachvollziehbar? Immobilien und die Erneuerbaren Energien gehören aus unserer Sicht zu dieser Kategorie. Bei mittelständischen Unternehmen mit anderen Geschäftsmodellen und vor allem jungen Startups sollte man skeptisch werden.
  • Wechselkursrisiko: Gibt es ein Wechselkursrisiko im Projekt, sprich, wird das Darlehen in einer anderen Währung gewährt als das Projekt Einnahmen generiert? Wenn ja, wer trägt dieses Risiko? Gerade bei Projekten außerhalb Europas kann ein solches Risiko schnell zum Scheitern führen, egal wie erfahren oder kompetent die Verantwortlichen vor Ort sind.
  • Bekannte Betrüger: Handelt es sich bei den Projektverantwortlichen um bekannte Betrüger? Eine einfache Google-Suche nach “Firmenname/Person Betrug”, “Firmenname/Person Skandal” oder “Firmenname/Person Kritik” kann schnell entsprechende Meldungen hervorbringen.
  • Unrealistische Annahmen: Wird in der Finanzkalkulation mit unrealistischen Annahmen gearbeitet? Gerade bei Immobilienprojekten lässt sich dies relativ einfach überprüfen, indem man die angenommenen Quadratmeter-Verkaufspreise durch einen kurzen Plausibilitätscheck per Google (“Stadt/Viertel Wohnungen Preise”) mit den Angaben von Immowelt bzw. Immobilienscout24 vergleicht. Liegen die Projektkosten nur knapp unter denen des Erlöses, sollte man skeptisch werden. Tiefere Analysen sind für Privatanleger zugegebenermaßen aber nur schwer machbar, weil zum einen die Daten und zum anderen die Expertise fehlt.

Dass (Laien-)Projektprüfungen keinen Schutz vor Verlusten bieten, zeigt ein aktueller Fall von bettervest. Im Jahr 2014 habe ich über die Plattform 500 € in das Projekt “Weinhotel & Restaurant Platz Veldenz a. d. Mosel” der Solterra Energy GmbH investiert. Die alte Heizungsanlage des Hotels sollte von Solterra Energy durch ein modernes BHKW ausgetauscht und durch die Einsparungen das nachrangige Darlehen zurückgezahlt werden. Am 13.01.2017 teilte die Solterra Energy GmbH nun mit, dass man die Zahlung aussetzen müsse, da sonst die Insolvenz drohe (ein bei Nachrangdarlehen legitimes Vorgehen). Blickt man heute zurück auf die damalige Projektbeschreibung, überrascht das, denn mein Eindruck war, dass es sich bei dem Projekt um das BHKW des Weinhotels dreht und nicht um die umsetzende Firma. Mit heutigem Wissen ist klar, dass das Weinhotel mit dem Darlehen nur indirekt etwas zu tun hatte. Mein Investment ging an die Solterra Energy GmbH und nur diese war und ist für die Rückzahlung verantwortlich.

Hätte ich diesen Umstand erkennen können? Natürlich! Alle Informationen waren transparent und klar in der Projektbeschreibung zu finden. Und dennoch habe ich mich FÜR ein Investment entschieden. Man könnte nun heute behaupten, dass die Projektbeschreibung irreführend war (war sie nicht!) oder falsche Angaben gemacht wurden, was aber aus meiner Sicht Blödsinn ist. Selbst wenn ich verstanden hätte, dass es ein Kredit an Solterra ist und der Erfolg des BHKWs eigentlich nichts über die Rückzahlung meines Darlehens aussagt, hätte ich investiert. Naiv? Aus heutiger Sicht vielleicht, aber vielleicht auch nicht. Es gab für mich schlichtweg keine Möglichkeit, die Entwicklung der Bonität von Solterra für die Zukunft einzuschätzen, egal wie viel schlaue Projektprüfungen ich vorgenommen hätte. Das hier im Kontext von Solterra Energy beschriebene Problem besteht auch bei vielen Immobilienprojekten, die über Crowdfunding finanziert werden. Als Anleger vergeben Sie dabei Kredite an Firmen, die eine Immobilie bauen. Ob diese Darlehen dann zurückgezahlt werden, hängt natürlich auch vom Erfolg der Immobilie ab, jedoch nicht ausschließlich. Selbst eine erfolgreich gebaute und verkaufte Immobilie garantiert noch nicht die Rückzahlung des Darlehens, weshalb man genau genommen eigentlich nicht von Immobilieninvestments sprechen sollte.

Das Ziel dieser Kolumne ist nicht, Crowdfunding allgemein bzw. die Solterra Energy GmbH oder die vielen Immobilien-Crowdfunding-Plattformen im Spezifischen zu verteufeln. Mir geht es darum, aufzuzeigen, dass wir uns als Anleger der Grenzen unser Einschätzungsfähigkeit bewusst sein müssen. Bei vielen unserer Nutzer spüre ich ein übermäßiges Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, den Erfolg eines Projektes im Vorhinein einschätzen zu können. Das ist solange relativ ungefährlich, solange Sie ohnehin ein breit gestreutes Crowdfunding-Portffolio mit einer Vielzahl verschiedener Projekte aufbauen. Entscheiden Sie sich aber auf Basis Ihrer persönlichen Einschätzung zu höheren Einzelinvestments, kann dies verheerende Folgen für Ihren Anlageerfolg haben. Wir werden daher nicht müde, zu betonen, dass Crowdfunding ohne eine Portfoliostrategie mit mindestens 20-30 Projekten keine gute Geldanlage ist, denn damit sind Sie rein vom Glück abhängig. Die Tage, an denen Sie ernüchtert feststellen werden, dass einzelne Investments (siehe meine 500 € bei Solterra Energy) auszufallen drohen, werden definitiv kommen. Dafür sollten Sie mit einer breiten Streuung vorbereitet sein.

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