Was ist dran am Hype um ETFs?

Letzte Aktualisierung: 01.02.2018 | Stefan Erlich

Was ist dran am Hype um ETFs?

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Wer sich derzeit ernsthaft mit dem Thema Geldanlage beschäftigt, wird früher oder später über ETFs stolpern. Honorarberater empfehlen sie schon lange und mittlerweile sind sogar einige Banken auf den Zug aufgesprungen und vermarkten diese aktiv. Dabei ist meiner Erfahrung nach vielen Anlegern gar nicht klar, um was es sich bei ETFs eigentlich handelt und inwiefern sie als Geldanlage taugen. Der englische und eher kryptische Name "Exchange Traded Fund" sowie die generelle Skepsis der Deutschen gegenüber dem Aktienmarkt tragen sicherlich zu diesem Unwissen bei. Zeit, einmal die Grundlagen von ETFs darzulegen und mit unserem gewohnt kritischen Blick die Vor- und Nachteile dieses Anlagevehikels zu analysieren. Wer an dieser Stelle müde gähnt, darf gerne zum Fazit springen, denn das dürfte auch für erfahrenere Anleger interessant sein.

Was sind Exchange Traded Funds (ETFs)?

Ein ETF ist zunächst einmal ein Fonds, also eine Bündel oder eine Zusammenstellung von Wertpapieren. Meist sind dies Aktien, aber es können auch Anleihen oder sonstige Papiere sein, z. B. im Zusammenhang mit Immobilien, Gold oder Öl. An dieser Stelle möchte ich mich auf Aktien konzentrieren, da sie den Hauptanwendungsfall darstellen. ETFs sind vereinfacht gesprochen also Aktienfonds. Sie unterscheiden sich von klassischen Fonds vor allem durch zwei Eigenschaften: Erstens sind sie jederzeit über eine Börse wie die in Frankfurt kauf- und verkaufbar. Das ist insofern etwas Neues, weil klassische Fonds typischerweise nur direkt von der Fondsgesellschaft gekauft bzw. an diese verkauft werden können. Der eigentliche Clou an ETFs ist jedoch nicht die Handelbarkeit an Börsen, sondern dass sie in aller Regel dem Konzept des passiven Investierens folgen.

Um zu verstehen, was passives Investieren ist, muss man zunächst wissen, dass klassische Fonds in der Regel einem aktiven Fondsmanagement unterliegen. Das bedeutet, dass einige (vermeintlich) schlaue Fondsmanager in den Bankentürmen von Frankfurt, London und New York die Zusammenstellung des Fonds jeden Tag aktiv so verändern, dass möglichst viel Rendite für Sie als Anleger herausspringt und gleichzeitig Verluste in Crash-Phasen so niedrig bleiben wie möglich. Das klingt in der Theorie wunderbar, hat jedoch in der Praxis einen entscheidenden Haken: Es funktioniert nicht! Man hat auf Basis historischer Daten in vielen Studien festgestellt, dass Fondsmanager langfristig nach Abzug der Kosten in der Mehrzahl nicht besser abschneiden als ihr Vergleichsindex, wie z. B. der DAX oder Dow Jones, die beide passiv einem fixen Schema folgen.

Beim passiven Investieren kauft das Fondsmanagement die Aktien, die sich aktuell in dem von ihnen gewählten Vergleichsindex befinden. Fallen Aktien aus dem Index, werden diese entsprechend wieder verkauft. Es gibt keine hochbezahlten Fondsmanager, die sich stetig Gedanken über die zu kaufenden oder verkaufenden Aktien machen. Der Vergleichsindex bestimmt die Zusammensetzung des Fonds, nicht der Fondsmanager. Das ist in der Praxis deutlich günstiger, weil weniger teure Fondsmanager gebraucht werden und zudem weniger Handelsgebühren anfallen. Was das konkret bedeutet lässt sich an zwei häufig gekauften Fonds illustrieren. Während der klassische aktive Fonds Union Investment PrivatFonds Kontrolliert mit jährlich 1,97 % (Stand 2017) zu Buche schlägt verlangt der ETF von db xtrackers auf den Weltindex MSCI World nur 0,19 % pro Jahr.

Bei einem Anlagebetrag von jeweils 50.000 € zieht Ihnen Union Investment jedes Jahr 985 € vom angelegten Kapital ab während bei db xtrackers nur 95 € fällig werden. Über eine Anlagedauer von 10 Jahren kommt bei Union Investment so ein stattlicher Kostenberg in Höhe von 9.850 € zustande während sich dieser bei db xtrackers mit 950 € im Vergleich doch stark in Grenzen hält. Union Investment müsste über 10 Jahre also mindestens 9.850 € - 950 € = 8.900 € mehr Rendite erwirtschaften als der passive db xtrackers ETF auf den Weltindex MSCI World, nur um genauso gut abzuschneiden. Erfahrungsgemäß schaffen so etwas über einen längeren Zeitraum nur ganz wenige aktive Fonds und welche das sind, lässt sich zu allem Übel nicht zuverlässig prognostizieren.

Ein kritischer Blick auf ETFs - Was sollte man wissen?

Fassen wir kurz zusammen: ETFs sind günstig, jederzeit an der Börse kauf- und verkaufbar und sie folgen in aller Regel dem Konzept des passiven Investierens, sprich, es befinden sich genau die Aktien im Fonds, die der Vergleichsindex vorgibt. Zudem sind ETFs bei geeigneter Index-Wahl extrem breit diversifiziert, z. B. weltweit mit dem MSCI World oder FTSE All-World. Alles super also? Leider nein! ETFs sind in gewisser Weise eine Perversion des passiven Investierens, denn durch die jederzeit mögliche Handelbarkeit sind Anleger dazu geneigt, in Crash-Phasen panikartig zu verkaufen und in Boom-Phasen zu überhöhten Preisen zu kaufen. Der Charme des passiven Investierens liegt aber gerade darin, das Portfolio über sehr lange Zeiträume von 10 und mehr Jahren hinweg nicht anzutasten und einfach dem Index zu folgen.

Die jederzeit mögliche Handelbarkeit kann dazu führen, dass Anleger aufgrund der emotionalen Achterbahnfahrt an den Börsen viel zu viel handeln (hohe Gebühren) und Rendite verschenken, weil sie zu früh aussteigen bzw. zu spät einsteigen. Beides könnte man vermeiden, indem man die Handelbarkeit deutlich einschränkt, allerdings ist dies den meisten Anlegern wohl nur schwer als Vorteil zu verkaufen. Fragen Sie sich vor einer ETF-Anlage daher selbst, ob Sie wirklich so gelassen mit dem nächsten Börsencrash umgehen werden wie Sie heute vielleicht denken. Nur, wenn Sie über einen sehr langen Zeitraum kontinuierlich investiert bleiben, haben Sie auf Basis historischer Betrachtungen die Chance (keine Garantie!), mögliche Verluste wieder auszugleichen und stattliche Renditen von 5 % und mehr einzufahren.

Ein weiterer, häufig im Kontext von ETFs angebrachter Kritikpunkt ist, dass das Konzept des passiven Investierens nur dann langfristig funktionieren kann, wenn ein Großteil der Anleger weiterhin aktiv investiert, also auf Basis eigener Prognosen und Analysen stetig Aktien kauft und verkauft. Je populärer ETFs jedoch werden, um so mehr besteht die Gefahr, dass wir an den Punkt kommen, an dem nur noch eine Minderheit als aktiver Marktteilnehmer auftritt. Wie viel des globalen Aktienvermögens heute passiv verwaltet ist, darüber streiten sich die Geister. Von wenigen Prozent bis hin zu 30-40 % findet sich im Internet so ziemlich alles. Entsprechend schwer ist es, dieses Risiko einzuschätzen. Wichtiger ist in diesem Kontext daher wohl, ETFs und das passive Investieren nicht als die ultimative Anlage zu sehen, sondern als sich stetig wandelnden “Stand der Technik” (siehe Fazit).

Es gibt noch weitere Kritikpunkte, die ich allerdings nicht alle im Detail erläutern kann. Einen jedoch möchte ich noch hervorheben, weil er ein zentrales Problem der Geldanlage darstellt. Dabei handelt es sich um die Tatsache, dass das gesamte Konzept von ETFs und dem passiven Investieren auf historischen Betrachtungen basiert. Blicke in die Vergangenheit sind zwar naheliegend, weil einfach, aber sie lassen nur bedingt Schlüsse für die Zukunft zu. Finanzmärkte sind komplexe und hoch dynamische Systeme, die sich stetig wandeln (siehe der sich verändernde Anteil des passiven Investierens). Zu glauben, die Vergangenheit würde sich in der Zukunft wiederholen, ist naiv. Das muss nicht bedeuten, dass alles ganz anders kommen wird als erwartet, aber es bedeutet, dass wir uns zumindest mit dem Gedanken anfreunden müssen, dass selbst weltweit diversifizierte Aktien-ETFs langfristig keine positiven Renditen liefern könnten.

Fazit: ETFs sind besser, aber sie vollbringen auch keine Wunder

Beim Verfassen dieses Artikels fiel mir die Bezeichnung “Stand der Technik” ein, die im Ingenieurwesen häufig verwendet wird. ETFs sind aus meiner Sicht der aktuelle Stand der Technik, wenn es um Aktienanlagen geht, weil sie den klassischen, aktiv verwalteten Fonds überlegen sind. Wenn Sie heute in Aktien investieren möchten und bereit sind, das Portfolio über einen Zeitraum von 10 und mehr Jahren nicht anzufassen, dann sind ETFs das Mittel der Wahl, vor allem, wenn Sie einen ETF auf einen breit diversifizierten Weltindex wie den MSCI World oder FTSE All-World wählen. Das bedeutet aber nicht, dass ETFs auch in 10 Jahren noch das Mittel der Wahl sein werden. Finanzprodukte werden sich weiterentwickeln und so wird es irgendwann auch Produkte geben, die den heutigen ETFs überlegen sind.

Zum Schluss werden Sie sich wahrscheinlich die Frage stellen, in welchen ETF Sie denn nun investieren sollen. Dabei ist diese Frage in etwa so schwierig wie die nach dem “besten Auto”. Es kommt auf die Perspektive, die persönlichen Kriterien und die zukünftige Entwicklung an. Müsste ich mich persönlich für mein eigenes Depot mit einem Anlagehorizont von 20 und mehr Jahren für einen ETF entscheiden, dann würde ich wahrscheinlich den FTSE All-World ETF von Vanguard wählen. Albert Warnecke (“Der Finanzwesir”) hat dazu einen sehr lesenswerten Artikel geschrieben. Ob sich mit diesem ETF langfristig positive Renditen erzielen lassen? Niemand weiß es! Fühle ich mich damit aber ausreichend diversifiziert und auf dem Stand der Technik? Auf jeden Fall! Wenn Sie innerlich dann noch bei dem Gedanken an hohe Verluste mit den Schultern zucken, sind Sie bereit, in die aufregende Welt der Aktieninvestments einzusteigen.

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