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Sind Aktien wirklich gute Geldanlagen?
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Sind Aktien wirklich gute Geldanlagen?

Letzte Aktualisierung: 01.03.2017 | Autor: Stefan Erlich
Sind Aktien wirklich gute Geldanlagen?

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Wer mich persönlich kennt, der weiß, dass es wenige Dinge gibt, die mich aus der Ruhe bringen. Neben dem gefährlichen Glauben vieler Privatanleger an die Sicherheit der Einlagensicherung ist dies vor allem der fast schon religiöse Glaube an die Sinnhaftigkeit von Aktien. Das Thema Geldanlage ist ohnehin nicht von Rationalität geprägt. Wenn es aber um Aktien geht, vervielfachen sich die Emotionen schnell und so mancher Blogger, Journalist und Hobby-Investor kann sich nicht mehr an die im Studium gelernten Grundsätze guten wissenschaftlichen Arbeitens erinnern. Dabei wäre die Sache so einfach, würde man nicht mit vorgefertigten Meinungen in die Diskussion gehen und auch kritisch hinterfragen, was Forschung im Bereich der Geldanlage wirklich leisten kann.

Der eine oder andere Leser denkt sich an dieser Stelle vielleicht: “Wie können Sie ernsthaft gegen Aktien sein?!” Das bin ich nicht! Ich bin mittlerweile sogar eher ein Befürworter von Aktien. Ich halte es jedoch für essentiell, aus den richtigen Gründen und nicht exklusiv dafür zu sein sowie mit den richtigen Erwartungen an diese Anlageklasse heranzugehen. Es ist wie mit der selbst genutzten Immobilie und der damit verbundenen Annahme, dies wäre automatisch eine gute Geldanlage. Es kommt darauf an, wie Finanzblogger Holger Grethe in seinen Blogposts zum Thema Kaufen vs. Mieten recht eindrucksvoll zeigt (siehe hier und hier). Zu sagen, Aktien wären als Altersvorsorge alternativlos, ist in etwa so, als würde man pauschal behaupten, Betongold wäre ein lukratives Investment. Beides ist in dieser Einfachheit nicht korrekt.

Von bunten Dreiecken und großen Philosophen

Die Grundargumentation für Aktien ist in der Regel eine Mischung aus zwei Punkten: Zum einen werden Aktien gern als “reale Werte” (was auch immer das bedeuten soll) bezeichnet und zum anderen hat man durch die Betrachtung der historischen Kursentwicklung festgestellt, dass sich mit Aktien über einen längeren Zeitraum hinweg erstaunliche Renditen erzielen lassen. Das Deutsche Aktieninstitut gibt in seinem bunten Rendite-Dreieck für den DAX z. B. folgende Daten an: “Wer Ende 1995 Aktien kaufte und bis Ende 2010 hielt, erzielte in diesem Zeitraum eine durchschnittliche jährliche Rendite von 7,8 Prozent.” Die Zahlen für den Dow Jones und S&P 500 sehen ähnlich beeindruckend aus. Nun gab es auch im DAX Jahre mit negativen Renditen wie z. B. beim Platzen der New Economy Bubble in 2000/2001, jedoch argumentiert man, dass historisch gesehen spätestens nach 10-15 Jahren wieder positive Renditen zu erwarten waren. Also alles paletti?

Die Crux liegt in der Nutzung der richtigen Zeitform, denn nur weil diese Renditen in der Vergangenheit erzielt werden konnten, heißt das nicht, dass sich diese auch automatisch in der Zukunft erzielen lassen. Es ist das klassische Induktionsproblem, das uns Menschen seit Jahrhunderten quält. Von Einzelbeobachtungen aus der Vergangenheit auf ein allgemeingültiges Gesetz wie z. B. “Mit Aktien lassen sich spätestens nach 10 Jahren Renditen von 3 % und mehr erzielen.”, ist höchst problematisch. Nicht wenige Philosophen haben sich über die Frage der Induktion den Kopf zerbrochen. Einer der bekanntesten Vertreter des letzten Jahrhunderts ist Karl Popper, der derartige Schlüsse kategorisch ablehnt. Seiner Meinung nach müsste man für den obigen Schluss vollständig ausschließen können, dass nach 10 Jahren auch Renditen unter 3 % möglich sind, was de facto unmöglich ist, weil niemand die Zukunft kennt.

Das einzige, was uns die schönen bunten Statistiken mit den historischen Renditen sagen, ist, dass sie im Bereich des Möglichen liegen. Doch diese Aussage hilft uns hinsichtlich der Zukunft nicht weiter, denn sie ist in etwa äquivalent zu der Behauptung, morgen könne die Sonne scheinen, weil man in der Vergangenheit gesehen hat, dass die Sonne an manchen Tagen scheint. Das hilft Ihnen bei der Planung Ihres Wanderurlaubs in den Bergen reichlich wenig, denn schließlich wollen Sie ja eine verlässliche Aussage hinsichtlich der zu tragenden Kleidung und keine Liste von Möglichkeiten. Tatsächlich reicht nach Karl Popper schon eine einzige Beobachtung aus, um die Aussage “Spätestens nach 10 Jahren liegen Sie mit Aktien immer im Plus” zu widerlegen. Für den DAX gibt es hierfür einige wenige, aber doch vorhandene Beispiele (z. B. 1999 bis 2011) und auch der japanische Aktienindex Nikkei 225 darf hier als mahnendes Beispiel herhalten.

Viele Zahlen machen noch keine Glaskugel

Viele Aktienbefürworter sind an dieser Stelle aber noch nicht mit ihrem Latein am Ende, denn jetzt werden erst recht die Statistiken aus dem Koffer geholt. Die Argumentation geht dann in etwa so: “Jaaaa, natürlich gibt es keine Garantie dafür, dass Sie mit Aktien auf jeden Fall positive Renditen einfahren werden. Aufgrund der Daten, die wir zur Verfügung haben, ist es aber einfach sehr wahrscheinlich!” Nun gut, da kann man als kleiner Anleger wenig dagegen sagen, oder? Lassen Sie sich aber von allerlei Zahlenspielerei nicht blenden, denn diese Argumentation hat eine entscheidende Schwäche: Sie geht davon aus, dass die beobachtete Wahrscheinlichkeitsverteilung der Vergangenheit zum einen konstant war und sich zum anderen unverändert in der Zukunft fortsetzen wird. Honorarberater Dr. Peterreins, der auf www.dr-peterreins.de einen äußerst lesenswerten Blog betreibt, hat in einem Beitrag aus dem Jahr 2011 beispielhaft für den DAX gezeigt, dass diese Annahme sich für unterschiedliche Zeitperioden relativ einfach widerlegen lässt.

Was mich immer wieder erstaunt ist, wie selten die Finanzwissenschaften die Nutzung historischer Daten zur Prognose zukünftiger Entwicklungen kritisch hinterfragen. Der Buchautor Gerd Kommer schreibt in seinem als “die Bibel des passiven Investierens” verehrten Buches dazu Folgendes (S. 131): “Wer die Nutzung langfristiger historischer Datenreihen als die oder eine Grundlage für die Schätzung von erwarteten Renditen in der Zukunft infrage stellt, muss gleichzeitig eine bessere Methode präsentieren, ansonsten kann diese Kritik ignoriert werden.” Überlegen Sie sich einmal in Ruhe die tiefere Bedeutung dieser Aussage. Kritik an einer Methode abzulehnen, solange keine bessere vorgelegt werden kann, ist nicht nur unwissenschaftlich, sondern potentiell gefährlich, wenn die aus der Methode abgeleiteten Entscheidungen desaströse Konsequenzen für die Altersvorsorge vieler Menschen haben können. Eigentlich läge es in der Verantwortung von Kommer selbst, zu beweisen, dass seine Methode geeignet ist, jedoch ist dieser Beweis de facto unmöglich.

Vielen Anlegern ist nicht bewusst, dass die Finanzwissenschaften keine Naturwissenschaften sind, bei denen sich Erkenntnisse in Experimenten auch in Zukunft und auch beim 10.000. Versuch in der Praxis exakt replizieren lassen. Wirtschaftssysteme sind komplexe, dynamische Systeme, die nicht dauerhaft den gleichen Gesetzmäßigkeiten folgen. Allein die Erwartung bestimmter zukünftiger Renditen hat Einfluss auf das Anlegerverhalten, was wiederum die Entwicklung an den Finanzmärkten beeinflusst und damit die Renditen verändert. Was in der Vergangenheit funktioniert hat, muss nicht auch in der Zukunft so funktionieren. Verstehen Sie mich nicht falsch! Ich halte Gerd Kommer immer noch für einen exzellenten Buchautor, denn er entzaubert mit schlüssigen Argumenten einige Mythen der Geldanlage. Man sollte jedoch stutzig werden, wenn auf Basis historischer Beobachtungen eine gefühlte Unausweichlichkeit positiver Renditen in Höhe von 3-10 % erzeugt wird.

Sprachlich besteht im Übrigen ein feiner, aber ganz entscheidender Unterschied zwischen den folgenden zwei Aussagen:

  • Aussage A: “Aller Wahrscheinlichkeit nach werden Sie nach 10 Jahren mit Aktien Renditen über 3 % erzielen.
  • Aussage B: “In der Vergangenheit war es möglich, mit Aktien spätestens nach 10 Jahren Renditen über 3 % zu erzielen.

Aussage A suggeriert eine Allgemeingültigkeit während Aussage B dies nur als “im Bereich des Möglichen” einordnet. Jetzt kann man mich angesichts solch feiner Unterschiede als penibel bezeichnen, aber es sind meiner Erfahrung nach genau diese Unterschiede in der Wortwahl, die bei Anlegern den Unterschied in der Wahrnehmung ausmachen. Fragen Sie sich selbst einmal, ob Sie sich noch für eine Aktienanlage entscheiden würden, wenn Ihr Anlageberater Ihnen statt der relativ selbstsicheren Aussage “aller Wahrscheinlichkeit nach 3-10 % Rendite” nur Folgendes verspricht: “Das können +10 % werden, aber auch -50 %. Ich weiß es schlichtweg nicht!”.

Zwei Gründe, warum Aktien trotzdem ins Portfolio gehören

An dieser Stelle folgt die (mehr oder weniger) dramatische Wendung dieses Artikels, denn ich sage, dass Aktien attraktiv sind, obwohl wir nicht wissen können, ob sich in der Zukunft in einem gewissen Zeitrahmen überhaupt positive Renditen erzielen lassen. Dabei stehen die folgenden zwei Aspekte im Vordergrund: Diversifikation und die fehlende Beschränkung der Rendite nach oben. Dabei sollte ich zunächst einmal erwähnen, dass ich mit einem Investment in Aktien stets das passive Investieren mittels breit streuender Indexfonds meine. Die Auswahl einzelner Aktien (sogenanntes Stock Picking) hat Gerd Kommer in seinem Buch völlig korrekt und schlüssig als nicht zielführende Strategie verworfen. Diese Aussage ist, anders als die Projektion historischer Renditen in die Zukunft, deswegen zulässig, weil sie eine Theorie durch Beobachtung widerlegt, nicht bestätigt.

Bei einer Anlage in Aktien mittels kostengünstiger Exchange Traded Funds (ETFs) investieren Sie in ein breit gestreutes Portfolio von Aktien, das stets der Zusammensetzung eines vorgegebenen Aktienindex wie dem DAX oder dem MSCI World folgt. Dabei liegen in dem Portfolio eines ETFs auf den MSCI World über 1.600 Aktien von Unternehmen aus 23 Ländern. Eine solch breite Diversifikation macht Ihre Anlage wesentlich robuster gegenüber Unternehmensinsolvenzen und möglichen Turbulenzen einzelner Wirtschaftsregionen. Der zweite Vorteil ist die theoretisch unbeschränkte Rendite. Während die Zinsen auf Tages- und Festgeld von vornherein festgelegt sind, lassen sich mit einem Aktien-ETF theoretisch auch Renditen von 5 %, 10 % oder mehr erreichen. Es gibt hier keine fixe Beschränkung nach oben. Das macht die Anlage z. B. für Menschen interessant, die unbedingt Rendite brauchen, wie z. B. der Unternehmer, der viel zu spät mit seiner Altersvorsorge begonnen hat und ohne Renditen von 5 % und mehr im Alter von Sozialhilfe leben müsste.

Und nun, Herr Erlich?

Es sind aus meiner Sicht vor allem drei Dinge, die Sie aus diesem Artikel für Ihre eigene Anlagestrategie mitnehmen sollten:

  • Aktien sind weder Teufelszeug noch die lukrative Rettung für Ihre Altersvorsorge. Sie sind schlichtweg eine Möglichkeit von vielen, mit verschiedenen Vor- und Nachteilen. Historische Renditen sagen uns, was möglich ist, aber nicht, was in der Zukunft sein wird. Das sind zwei fundamental unterschiedliche Dinge.
  • Machen Sie sich bewusst, dass Vermögen vor allem von Arbeit und Sparen kommt. Für die meisten Anleger wird der größte Teil des Vermögens am Ende des Lebens aus dem Einkommen unselbständiger und/oder selbständiger Arbeit stammen. Wer viel Geld will oder braucht, wird mit Arbeit in der Regel nicht nur mehr, sondern auch wesentlich zuverlässiger Vermögen bilden. Reich oder “finanziell frei” werden durch die geschickte Geldanlage nur sehr wenige, nicht die breite Masse.
  • Die primäre Aufgabe der Geldanlage sollte darin bestehen, das durch Arbeit angesparte Vermögen zu sichern und Ihr Portfolio robust zu machen, auch unter Inkaufnahme von kleineren Verlusten. Handlungsfähigkeit sollte immer vor Rendite stehen! Das bedeutet vor allem Diversifikation und genügend Liquidität. Die Vermehrung des Geldes sollte eher ein sekundäres Ziel sein, weil dies nur durch das Eingehen von Verlustrisiken möglich ist.

Vor Jahrzehnten wurden Anlegern Lebensversicherungen als die beste Altersvorsorge verkauft. Heute stellt man ernüchtert fest, dass diese häufig eher Geldvernichtungs- als Geldvermehrungsmaschinen waren. Zu Zeiten der New Economy Bubble wurde die T-Aktie nicht nur im Fernsehen als DAS lukrative Investment für Privatanleger beworben (Manfred Krug lässt grüßen) und so mancher sah in der Biotech-Industrie den nächsten Boom-Markt. Dann kamen zwischendurch einmal Zertifikate auf (siehe Pleite der Lehman Brothers) und irgendwann die Riester-Rente, die heute von vielen Experten schon wieder als sinnfrei erachtet wird. Zeiten, Dinge und Ansichten ändern sich einfach. Das ist für mich die einzig sinnvolle Schlussfolgerung aus dieser Entwicklung.

Zu glauben, Aktien in Form von ETFs wären als Altersvorsorge für die kommenden 10-30 Jahre alternativlos, erscheint mir angesichts dieser Erkenntnis doch erschreckend naiv. Ich würde Aktien-ETFs deswegen aber nicht links liegen lassen, sondern gleichwertig zu meinen Tages- und Festgeldkonten, Goldmünzen, Anleihen und ggf. Immobilien in mein Portfolio nehmen, weil sie abgesehen von der unsicheren Rendite durchaus Vorteile mit sich bringen. Wenn man darüber hinaus noch Zeit und Lust auf etwas neuere Anlagemodelle hat, kann man auch noch P2P-Kredite, Crowdfunding und Robo Advisor aufnehmen, denn nicht alles, was neu ist, ist automatisch schlecht. Wichtig ist generell, sich mit offenen Augen und nüchternem Blick durch den Anlagedschungel zu bewegen und die eigene Strategie auch auf Basis neuer Erkenntnisse völlig wertfrei anzupassen. Erst das macht Sie zu einem wirklich guten Investor.

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