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Der gefährliche Glaube an die Sicherheit der Einlagensicherung
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Der gefährliche Glaube an die Sicherheit der Einlagensicherung

Letzte Aktualisierung: 01.02.2017 | Autor: Stefan Erlich
Der gefährliche Glaube an die Sicherheit der Einlagensicherung

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Das Thema Einlagensicherungen ist für uns als Redaktion eigentlich ein alter Hut. Wir haben an mehreren Stellen bereits ausführlich darüber geschrieben (z. B. hier, hier, hier und hier) und gefühlt ist dazu eigentlich alles gesagt. Dennoch möchte ich das Thema an dieser Stelle noch einmal aufgreifen. Dafür gibt es aktuell zwei Gründe: Zum einen ist dies der nicht abreißende Strom an Fragen unserer Nutzer zur Sicherheit von Banken und deren Einlagensicherungen, und zum anderen die veränderte politische Situation, in der sich die Vereinigten Staaten von Amerika derzeit befinden. Was diese zwei Aspekte miteinander zu tun haben, kläre ich im Laufe dieser Kolumne auf. Doch zunächst ein Blick auf die Funktionsweise von Einlagensicherungen, denn vielen Anlegern sind die grundlegenden Zusammenhänge nicht bekannt.

Einlagensicherungen dienen offiziell dazu, Bankkunden im Falle der Insolvenz eines Finanzinstitutes teilweise oder vollständig zu entschädigen. Gerade Privatanleger mit kleinerem Vermögen treffen plötzliche Bankinsolvenzen sehr hart, denn nicht selten haben diese ihr gesamtes Erspartes im Glauben an die sichere Verwahrung bei einer einzigen Bank deponiert. Im Zuge der Finanzkrise ab 2007 wurde das System der Einlagensicherungen in Europa grundlegend reformiert und vereinheitlicht. Seit Mitte 2015 gilt nun europaweit die EU-Richtlinie 2014/49/EU, die sowohl die Entschädigungshöhe (100.000 € pro Kunde und Bank) als auch die Finanzierung der Einlagensicherungsfonds klar regelt. Die Richtlinie wurde bzw. wird in allen Ländern als nationales Gesetz implementiert (siehe z. B. das deutsche Anlegerentschädigungsgesetz).

Wenn sich Theorie und Praxis auseinanderleben

Häufig entsteht durch Marketingfloskeln und hübsche Bildchen der Eindruck, es handele sich bei der Einlagensicherung um eine Absicherung der Europäischen Union. Dem ist jedoch nicht so. Ein einheitlicher EU-Topf wird zwar diskutiert, scheiterte bisher jedoch am Widerstand einiger Länder, insbesondere Deutschlands. Noch immer gibt es daher in jedem EU-Land eine eigene nationale Sicherungseinrichtung. Anleger einer Bank mit deutschem Hauptsitz werden vom deutschen Einlagensicherungsfonds (in Form der Entschädigungseinrichtung deutscher Banken (EdB)) entschädigt, während Anleger einer französischen Bank aus dem französischen Fonds entschädigt werden (dem Fonds de Garantie des Dépôts et de Résolution (FGDR)). In Deutschland gibt es noch eigene Sicherungseinrichtungen für die Sparkassen und Genossenschaftsbanken, allerdings möchte ich diese hier ausblenden, um die Sache nicht zu verkomplizieren.

Meiner Erfahrung nach liegt das große Missverständnis vieler Anleger in einer Kombination der folgenden zwei Aussagen bzw. Annahmen begründet:

  • Es besteht ein gesetzlicher Anspruch auf Entschädigung gegenüber dem Staat.
  • Der Staat stellt die notwendigen finanziellen Mittel für die Entschädigung von Anlegern bis zur Grenze von 100.000 € bereit.

Beide Aussagen sind (bewusst?) nur unzureichend gesetzlich geregelt, wenn nicht sogar grundlegend falsch. Ein einklagbarer rechtlicher Anspruch auf Entschädigung besteht für Anleger nicht etwa gegenüber dem deutschen, französischen oder niederländischen Staat, sondern nur gegenüber der von diesem Staat eingesetzten Sicherungseinrichtung. In Deutschland ist dies eine Art privatwirtschaftliche Organisation (die Entschädigungseinrichtung deutscher Banken GmbH (EdB)). Sie erhält ihre Entschädigungsmittel zudem nicht vom Staat, sondern von den ihr zugewiesenen Banken. Diese zahlen jährlich auf Basis ihrer Kundeneinlagen einen bestimmten Beitrag in den Einlagensicherungsfonds ein. Kommt es zu einer Bankpleite, sollen Anleger aus diesem Topf entschädigt werden. Das hört sich in der Theorie wunderbar an (“Banken zahlen für ihre eigenen Pleiten!”), hat in der Praxis aber einen großen Haken: Das Geld reicht nicht aus, um auch nur die Pleite einer mittelgroßen deutschen Bank aufzufangen.

Ende 2014 wies der Bund für den Fonds der EdB ein Vermögen von 1,13 Mrd. € aus. Klingt nach viel, allerdings nur, wenn man es nicht ins Verhältnis zu den Einlagen einer bei Privatanlegern recht bekannten Bank wie der ING-DiBa setzt. Diese wies zum Zeitpunkt unserer Recherche Anfang 2016 Kundeneinlagen in Höhe von 115 Mrd. € aus, also etwa das Hundertfache des Vermögens des Einlagensicherungsfonds. Die Zahlen sind mittlerweile nicht mehr ganz aktuell (ein Update ist in Arbeit), aber es zeigt, in welchem Missverhältnis die verfügbaren finanziellen Mittel zu den Entschädigungsversprechungen stehen. Nun war man bei der Ausarbeitung der Einlagensicherungsgesetze nicht ganz so naiv wie es vielleicht auf den ersten Blick aussieht. Einlagensicherungen haben die Möglichkeit, Sonderbeiträge von den angeschlossenen Banken zu erheben und Kredite aufzunehmen, um die versprochenen Entschädigungszahlungen zu leisten. Auch gesunde Banken sind jedoch nicht unbegrenzt zahlungsfähig und Kredite bedürfen Sicherheiten, die eine Entschädigungseinrichtung nur in beschränktem Maße zur Verfügung hat (z. B. zukünftige Mitgliedsbeiträge der Banken).

Kann ein Feuerlöscher Vertrauen schaffen?

Ein Leser formulierte es im Forum eines großen Nachrichtenportals recht treffend in etwa so: “Die Einlagensicherung ist wie ein Feuerlöscher. Sie ist der willkommene Retter, wenn der Aschenbecher brennt, aber unbrauchbar, wenn das ganze Haus in Flammen steht.” Und was, wenn das ganze Haus brennt? Dann rufen wir die Feuerwehr! Im Kontext von Banken ist dies der Staat. Das Problem ist allerdings, dass dieser nicht dazu verpflichtet ist, mit seinen Löschzügen anzurücken. In der EU-Richtlinie heißt es dazu ganz konkret: “Die Mitgliedstaaten (…) sollten aufgrund dieser Richtlinie den Einlegern gegenüber nicht haftbar gemacht werden, wenn sie für die Einrichtung (...) eines oder mehrerer Systeme Sorge getragen haben, die die Einlagen (...) selbst absichern und die Zahlung von Entschädigungen oder den Schutz der Einleger nach Maßgabe dieser Richtlinie gewährleisten.” In einfaches Deutsch übersetzt heißt dies: Solange der deutsche Staat dafür gesorgt hat, dass es die EdB gibt und diese Einrichtung regelmäßig Beiträge der Banken eingesammelt hat, können wir Frau Merkel nicht zum Zücken ihres Portemonnaies zwingen.

Am Anfang dieses Artikels erwähnte ich, dass Einlagensicherungen “offiziell” dazu dienen, Anlegern zu helfen. Inoffiziell dienen sie aber vor allem dazu, Vertrauen in die Stabilität von Banken zu schaffen. Wenn Sie wüssten, dass Sie bei einer Bankpleite keinen Cent wiedersehen würden, säßen Sie wahrscheinlich bei der kleinsten Meldung auf Ihrem Fahrrad auf dem Weg zum Geldautomaten, um noch schnell soviel Geld abzuheben, wie irgendwie möglich. Solche Bank-Runs sind allerdings der Tod jeder Bank, egal wie gesund diese eigentlich ist. Das Versprechen der Entschädigung bis 100.000 € dient also mehr dazu, Sie vom panikartigen Abheben Ihres Geldes abzuhalten als Sie tatsächlich in jeder Situation zu entschädigen. Vertrauen ist hier DAS zentrale Element! Und auch Frau Merkel lebt von Vertrauen, schließlich möchte sie im September diesen Jahres wiedergewählt werden. Verärgerte, mit Protestplakaten durch deutsche Städte laufende Anleger werden sich das mit dem Kreuzchen allerdings gut überlegen.

Die Politik hat ein starkes Eigeninteresse daran, dass Sie als Anleger "happy" sind. Entsprechend großzügig und einfallsreich hat man sich in der letzten Dekade gezeigt als einige Großbanken zu scheitern drohten. Die Rettung der Commerzbank und die völlig haltlose Staatsgarantie für Spareinlagen sind nur zwei Beispiele dafür. Über die Zeit hat man jedoch gemerkt, dass solche Rettungsaktionen langfristig so kostspielig sind, dass man sie eigentlich nicht erlauben sollte, schließlich zahlen am Ende WIR, die Steuerzahler, die Zeche. Über welch unfassbar hohen Beträge wir hier sprechen, zeigt ein aktueller Artikel der Tagesschau (Zur Erinnerung: 1 Mrd. € sind 1.000.000.000 €). Es wurden deswegen Gesetze erlassen, die den Einsatz von Steuergeldern für Bankenrettungen stark einschränken und die Abwicklung von Finanzinstituten unter Einbezug der Eigner und Gläubiger zum Standard werden lassen sollen. Die Politik hat somit nicht mehr den gleichen Spielraum wie früher, zumindest wenn man sich nicht außerhalb des gesetzlichen Rahmens bewegen möchte (was erfahrungsgemäß nie ganz ausgeschlossen ist).

Bei Geld hört die Freundschaft auf

An dieser Stelle kommt Donald Trump, 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, ins Spiel. Er zeigt gerade eindrucksvoll, wie schnell sich die Zeiten ändern können und wie schnell in Stein gemeißelt geglaubte Grundsätze über den Haufen geworfen werden. “Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?” war schon immer kein unbekannter Satz in der Politik, jedoch setzt Donald Trump hier neue Maßstäbe. Kann in Europa nicht passieren? Marine Le Pen wartet in Frankreich nur auf die nächste Wahl und Beppe Grillo (Italien) und Geert Wilders (Niederlande) werden schon jetzt in einigen Publikationen als die Donald Trumps ihrer jeweiligen Länder bezeichnet. Wie viel Solidarität können wir bei Bankpleiten und Entschädigungszahlungen noch erwarten, wenn Regierungen an der Macht sind, die offen die Auflösung der EU fordern und aktiv einen nationalistischen Kurs fahren? Wird man der Entschädigung deutscher Anleger aus dem italienischen, holländischen oder französischen Einlagensicherungsfonds dann noch zustimmen? Angesichts der Ereignisse der letzten Tage beginne ich, Zweifel daran zu hegen. Am Ende hört bekanntlich bei Geld die Freundschaft auf.

Der Glaube an die Sicherheit der Einlagensicherungen ist vor allem deswegen so gefährlich, weil viele Anleger dadurch nach dem Prinzip “Alles auf eine Karte!” arbeiten. Das ist keine aus der Luft gegriffene Behauptung, sondern basiert auf E-Mails, die wir fast jeden Tag von unseren Nutzern bekommen. Der Glaube an die Sicherheit ist noch immer so tief verankert, dass sich nur wenige über eine breitere Diversifikation Gedanken machen. "Alles Geld zu deutschen Banken!" ist für viele dann die Schlussfolgerung, was jedoch aus meiner Sicht auch keine gute Lösung ist, da das deutsche Einlagensicherungssystem im Verhältnis zur Größe der hiesigen Bankenlandschaft völlig unterfinanziert ist. Und ob es Frau Merkel wirklich noch einmal schafft, eine größere Bank (und damit deren Anleger) vor dem Kollaps zu bewahren, steht in den Sternen.

Diversifikation ist ihr bester Freund

Die totale Verunsicherung also? Nicht ganz! Die Unsicherheit selbst ist nicht das Problem, sondern der mögliche Schaden, der sich für Sie daraus ergibt. Die Unsicherheit, ob Sie morgen im Lotto gewinnen, ist extrem groß - der Schaden, wenn Sie nicht gewinnen, allerdings extrem klein (die Kosten für ein Los). Die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr komplettes Barvermögen in Höhe von 100.000 € bei Bank X morgen über Nacht weg ist, weil die Einlagensicherung nicht genug Geld hat und die Politik nicht zahlen will, wirkt heute extrem gering. Der Schaden, wenn es dazu kommt, ist aber extrem hoch. Angesichts der oben beschriebenen Funktionsweise von Einlagensicherungen, der gesetzlichen Vorgaben und der politischen Ereignisse in letzter Zeit, ist es denke ich sinnvoll, ein realistischeres Bild der nationalen Einlagensicherungssysteme in Europa zu zeichnen.

Vielleicht passiert nie etwas und wir freuen uns in ein paar Jahrzehnten über die Stabilität unserer Banken. Vielleicht kommt es aber doch zu Problemen. Dann freuen Sie sich, dass Sie aufgrund dieses Artikels Ihr Guthaben auf mehrere Banken gestreut und vielleicht auch in andere Anlageklassen investiert haben (Aktien, Anleihen, Gold, Immobilien, Crowdfunding, Bargeld etc.). Unsicherheit können wir als Anleger niemals eliminieren! Wir können das auch nicht wollen, schließlich sind Zinsen und Renditen ja gerade die Entschädigung für das eingegangene Risiko. Wir können letztlich nur dafür sorgen, dass wir trotz der ganzen Unsicherheit stets mit Überzeugung sagen können: “Wenn mich eine Pleite irgendwann einmal trifft, dann schmerzt es zwar, aber es ruiniert mich nicht!”. Machen Sie sich und Ihr Portfolio robust gegenüber dem, was die Zukunft bringt, egal wie wahrscheinlich oder unwahrscheinlich es heute scheint.

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