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Die dunkle Seite günstiger Finanzprodukte
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Die dunkle Seite günstiger Finanzprodukte

Letzte Aktualisierung: 01.08.2017 | Autor: Stefan Erlich
Die dunkle Seite günstiger Finanzprodukte

Dieser Kommentar erschien im Rahmen unseres monatlichen Anleger-Updates, das wir unseren Abonnenten jeweils zum 01. jeden Monats kostenlos per E-Mail zur Verfügung stellen. Darin diskutieren wir jeweils ein aktuelles Thema, präsentieren unsere Anlagetipps und informieren über die besten Zinsen im Markt. Sollten Sie sich für unseren Newsletter interessieren, dann melden Sie sich einfach über folgenden Link dafür an. Wir geben Ihre E-Mail-Adresse an keine dritten Parteien weiter und Sie können sich selbstverständlich jederzeit wieder davon abmelden.

Kürzlich folgten die Finanzblogger Marielle und Mike (“Die Beziehungs-Investoren”) dem Aufruf des Finanzwesirs und organisierten ein Treffen interessierter Anleger in Frankfurt am Main. Es war ein äußerst angenehmer Austausch zwischen Gleichgesinnten, der wieder einmal zeigte, dass die Online-Welt das reale Leben nicht ersetzen kann. Aus diesem Grund sind wir nicht nur beim nächsten Treffen in Frankfurt wieder mit von der Partie, sondern unterstützen auch das Finanzbarcamp der comdirect, das am 10.11.2017 in Hamburg stattfinden wird (weitere Infos dazu finden Sie hier). Jeder kann daran teilnehmen, ein Thema vorschlagen, selbst etwas vortragen oder auch einfach nur zuhören. Die Tickets sind kostenlos und können über die folgende Seite “erworben” werden. Wir freuen uns auf den Austausch mit möglichst vielen Anlegern im November.

Diese Kolumne soll allerdings nicht nur dazu dienen, Sie zum Finanzbarcamp in Hamburg einzuladen. Mir geht es primär um ein Gespräch, das ich im Rahmen des Geldanlage-Treffens in Frankfurt mit einem der Teilnehmer führen durfte. Es ging dabei um eine Riester-Rente, zu der sich dieser, wohl mehr aus Spaß an der Sache, bei einer Sparkasse beraten ließ. Die Dame hinter dem Schalter pries die vielen Vorteile eines solchen Vertrages an und kam schnell zu folgendem Schluss: “Mit so einer Anlage machen Sie wirklich nichts falsch.” Mein Gesprächspartner fragte allerdings direkt nach den Kosten/Provisionen, die die gute Frau für die Sparkasse vereinnahmen würde. Ich kann mich leider nicht mehr an die konkrete Zahl erinnern, aber es war ein signifikanter Betrag.

Runter mit den Kosten heißt rauf mit der Rendite

Sie können sich vorstellen, dass es nicht zum Abschluss des Riester-Vertrages kam, nachdem die Dame auf Fragen wie “Wofür soll ich der Sparkasse denn jährlich X EUR zahlen, wenn Sie nur meinen Vertrag verwalten und das Geld weiterleiten?” keine überzeugende Antwort wusste. Die Geschichte ist exemplarisch für den Wandel, in dem sich die Finanz- und Geldanlage-Welt derzeit befindet. Die Finanzwissenschaften, sofern man sie als exakte Wissenschaften bezeichnen kann, rufen schon seit Längerem dazu auf, neben der breiten Diversifikation und dem passiven Investieren vor allem auf die Kosten der jeweiligen Geldanlage zu achten. Der Grund: Anders als die zukünftige Rendite sind die Kosten direkt vom Anleger beeinflussbar und sie sind für die langfristige Rendite von entscheidender Bedeutung, vor allem in Zeiten von Niedrigzinsen.

Je weniger bei der Bank, bei Ihrem Berater oder Ihrer Fondsgesellschaft hängen bleibt, umso höher ist am Ende Ihre Rendite und je höher die Rendite, umso höher ist der Zinseszinseffekt, der Ihr Kapital zu einem stattlichen Polster anwachsen lässt. Nicht ohne Grund haben sich bei guten Honorarberatern und informierten Privatanlegern mittlerweile sogenannte Exchange Traded Funds (ETFs) als Anlagevehikel für Aktien und Anleihen durchgesetzt, denn sie weisen im Vergleich zu klassischen, aktiv verwalteten Fonds deutlich geringere Kosten auf. Ein Beispiel: Der gehypte Fonds des im Fernsehen häufig zu sehenden “Börsenexperten” Dirk Müller (“Mr. DAX”) weist jährliche (!) Kosten in Höhe von 1,71 % plus einmalig einen Ausgabeaufschlag in Höhe von 4 % auf. Ein ETF der Firma iShares auf den DAX dagegen nur 0,16 % pro Jahr (WKN 593393).

Um das Ganze in konkreten Zahlen darzustellen, nehmen wir an, dass Sie 50.000 € aus einer Erbschaft investieren wollen. Der Dirk-Müller-Fonds macht Sie direkt im ersten Jahr um 2.855 € ärmer und in den darauffolgenden Jahren immer noch um jeweils 855 €. Beim iShares-ETF sind es dagegen nur 80 € pro Jahr. Die absoluten Zahlen geben ein gutes Gefühl dafür, was Sie über einen Anlagezeitraum von mehreren Jahrzehnten an Fondsgebühren verlieren werden. Hohe Gebühren bei Aktien- und insbesondere Anleihenfonds erscheinen angesichts der Tatsache, dass am Finanzmarkt niemand eine positive Performance garantieren kann, reichlich deplaziert. Da wundert es nicht, dass ETFs und andere günstige Finanzprodukte in den letzten Jahren einen wahren Boom erlebt haben.

Ihre Gebühren sind das Einkommen eines anderen

Dass mein Gesprächspartner den Riester-Vertrag bei der Sparkasse aufgrund der viel zu hohen Gebühren abgelehnt hat, erscheint im Licht der obigen Diskussion nur richtig und sinnvoll. Bei mir hat das Ganze aber innerlich einige Fragen aufgeworfen, die mich seitdem beschäftigen. Da ist zum einen die Frage, was mit der Dame am Bankschalter passiert, wenn keiner mehr in die teuren Fonds investiert oder Riester-Verträge abschließt. Mit Girokonten lässt sich trotz Kontoführungsgebühren kein Geld mehr verdienen und die Zinsmarge bei Krediten sinkt seit Jahren. Nicht ohne Grund hat sich die Anzahl der Sparkassen in den letzten 26 Jahren halbiert. Dabei geht es mir gar nicht so sehr um die Sparkasse selbst, sondern um die Dame als Teilnehmerin unseres Wirtschaftskreislaufs, der davon abhängt, dass wir Geld für Produkte und Dienstleistungen ausgeben.

Ihre Gebühren sind das Einkommen eines anderen Menschen und nur wenn jemand Einkommen hat, kann er konsumieren und damit wiederum Einkommen für Sie und mich schaffen. Es ist in gewisser Weise ein Paradoxon, dass wir als Anleger auf steigende Aktienkurse und erfolgreiche Unternehmen hoffen, gleichzeitig aber bei Gebühren geizen, die das Einkommen und den Konsum vieler Menschen sichern. Gerade in ländlichen Gebieten, wo die lokale Sparkasse eine Art Zentrum des Dorfes darstellt, kommt es auf jedes Einkommen an, denn Bäcker, Fleischer und Tankstelle hängen von den wenigen verbliebenen Stammkunden ab. Schließt die Sparkasse, bedeutet das ggf. den Verlust von mehreren Arbeitsplätzen. Meine Vermutung ist, dass nur wenige diese Entwicklung als begrüßenswert bewerten würden.

Ein ganz anderer Effekt von sinkenden Gebühren und Margen ist, dass sie neben den potentiellen Arbeitsplatzverlusten auch häufig zu einer verstärkten Dominanz einzelner weniger Anbieter führen. Schauen Sie einmal in unseren Girokonto-Vergleich und fragen Sie sich ernsthaft, bei welcher Bank Sie aktuell ein Girokonto eröffnen würden. Viele Anbieter werden Ihnen da nicht ins Auge springen, schlichtweg weil nur noch wenige mit bedingungslos kostenlosen Girokonten aufwarten können. Ähnliche Tendenzen sehe ich bei Depots, Versicherungen und auch ETFs. Eine kleine Gruppe von Anbietern dominiert den gesamten Markt, weil nur sie es sich aufgrund ihrer Größe leisten können, relativ geringe Gebühren und gute Konditionen anzubieten. Auch dies ist aus meiner Sicht eine Entwicklung, die wir uns eigentlich nicht wünschen können.

Zeit zum Umdenken oder doch alles halb so wild?

Die hier beschriebenen Zusammenhänge sind stark vereinfacht und man kann sich darüber streiten, ob die Sparkassen-Angestellte wirklich einen so wichtigen Beitrag zum Wirtschaftsgeschehen leistet oder Sorgen bzgl. der Bildung von zu mächtigen Finanzkonzern-Kartellen berechtigt sind. Dennoch bleibt eine Erkenntnis: Das ständige Streben nach niedrigeren Kosten hat seine Schattenseiten. Wer keine oder kaum Gebühren zahlen will, muss damit leben, dass an anderer Stelle eingespart wird, egal ob dies nun bei der Erreichbarkeit des Kundenservice ist oder bei ganzen Arbeitsstellen, die gestrichen werden. Das betrifft Riester-Verträge genauso wie Girokonten, Depots, ETFs und Lebensversicherungen. Irgendwo zeigen sich Konsequenzen, auch wenn es an einer Stelle passiert, wo man die kausalen Zusammenhänge nicht mehr genau erkennen kann.

Sollte man deswegen nun zum Wohle der Sparkassen-Angestellten doch die Riester-Rente abschließen oder gar eine teure Lebensversicherung bei der Allianz? Ich neige zu einem “Nein!”, bin diesbezüglich aber nachdenklicher geworden als noch vor einigen Monaten. Offensichtlich besteht ein Konflikt zwischen dem, was für uns Anleger gut ist und dem, was gesamtwirtschaftlich von Vorteil ist. Der Konflikt lässt sich auch auf das Sparen ausdehnen, denn sind Ersparnisse nicht eigentlich verhinderter Konsum und damit verlorenes Einkommen anderer Teilnehmer des Wirtschaftskreislaufs, sei es nun der Autohändler nebenan oder der Handyverkäufer auf der Hauptstraße? Oder sind Ersparnisse wiederum doch nicht so böse, weil sie z. B. als Tagesgeld bei Banken in Form von Krediten der Wirtschaft zugeführt werden? Sie sehen, das Thema ist beliebig komplex.

So mancher Ökonom würde argumentieren, dass die Veränderung der Geldanlage, mit all ihren Konsequenzen für Banken und deren Arbeitsplätze, ein ganz normaler Anpassungsprozess ist, der dafür sorgt, dass neue Firmen, Produkte und Arbeitsplätze an anderer Stelle entstehen. Das Argument ist sicherlich nicht ganz falsch, drängen derzeit doch eine ganze Reihe von Finanz-Startups in den Markt, siehe z. B. N26 im Girokonto-Bereich, Vaamo und Ginmon im Bereich der automatisierten Börsen-Investments oder auch fairr.de, wenn es um staatlich geförderte Altersvorsorge geht. Ob diese Unternehmen allerdings die alten Arbeitsplätze ersetzen werden können, bleibt abzuwarten. Aufzuhalten sind solche Veränderungen ohnehin nicht, egal, ob uns das mit Blick auf mögliche Arbeitsplatzverluste passt oder nicht.

Mir ist bewusst, dass ich mit dieser Kolumne mehr Fragen aufwerfe als beantworte. Mir geht es hier auch nicht darum, die finale Antwort auf komplexe ökonomische Probleme zu finden. Vielmehr möchte ich Sie zum Nachdenken anregen und ein wenig dazu beitragen, dass wir im Anlage-Bereich nicht in das klassische Gut-und-Böse-Denken verfallen.

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